Die Causa um die im Jahr 2018 in die Insolvenz gegangene Immobilienfirma Wienwert nimmt eine entscheidende Wendung. Im Zentrum des Geschehens steht der ehemalige Firmenchef Stefan Gruze, der sich am Montag vor Gericht der grob fahrlässigen Beeinträchtigung von Gläubigerinteressen schuldig bekannte. Sein Anwalt Norbert Wess gab diese Erklärung parallel zum Eingangsplädoyer ab.
### Tatsachengeständnis zu Korruptionsvorwürfen
Gruze kündigte zudem an, ein „Tatsachengeständnis im Zusammenhang mit den angeklagten Korruptionsdelikten ablegen“ zu wollen. Er räumte ein, „zu verschwenderisch mit Gesellschaftsvermögen umgegangen zu sein“ und „zu risikoreiche Geschäfte abgeschlossen“ zu haben, wodurch er zur Zahlungsunfähigkeit der Wienwert-Gruppe beigetragen habe. Darüber hinaus leistete Gruze eine Schadenswiedergutmachung in Höhe von 500.000 Euro. Den schwerwiegenderen Vorwurf des Anlagebetrugs wies er vehement zurück.
### WKStA kritisiert „Blendwert“ Wienwert
Die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) eröffnete den Prozess mit der Feststellung, dass „Wienwert ein Blendwert“ gewesen sei, was die wirtschaftliche Solidität des Unternehmens in Frage stellte. Neben Stefan Gruze sind zehn weitere Personen angeklagt, darunter der ehemalige Wiener ÖVP-Chef Karl Mahrer und dessen Ehefrau sowie der Wiener SPÖ-Politiker Ernst Nevrivy, Bezirksvorsteher von Donaustadt. Ihnen werden unter anderem schwerer gewerbsmäßiger Betrug, Untreue und betrügerische Krida vorgeworfen. Auch drei Verbände sind betroffen.
### Vorwürfe gegen Mahrer und Nevrivy
Karl Mahrer und seiner Ehefrau wird Beihilfe zur Untreue vorgeworfen. Das von Mahrers Frau geführte PR-Beratungsunternehmen soll von Wienwert über sieben Monate hinweg 84.000 Euro erhalten haben, ohne dass adäquate Gegenleistungen erbracht wurden. Ernst Nevrivy soll einem Wienwert-Vorstand den geplanten Standort für eine Remisen-Erweiterung vorzeitig verraten haben. Dies ermöglichte Wienwert den Erwerb des Grundstücks, welches die Wiener Linien später zu einem deutlich höheren Preis ankaufen mussten, wodurch der Stadt Wien ein Schaden von etwa 850.000 Euro entstanden sein soll. Im Gegenzug soll Nevrivy von der Immobiliengesellschaft VIP-Tickets für Fußballspiele erhalten haben.
### Systematische Täuschung von Investoren
Laut Staatsanwaltschaft sollen die drei Hauptangeklagten Gruze und seine Vorgänger Nikos Bakirzoglu und Wolfgang Sedelmayer über Jahre hinweg ein System zur Täuschung von Investoren aufgebaut haben. Anstatt Immobilien zu entwickeln, sollen sie die wirtschaftliche Lage der Gruppe verschleiert und Anleger getäuscht haben. Anlegergelder seien demnach nicht für die beworbenen Projekte, sondern zur Rückzahlung fälliger Anleihen nach dem “Loch auf, Loch zu”-Prinzip verwendet worden.
### Rund 1.800 Anleger und 41 Millionen Euro Schaden
Die WKStA, die seit 2017 in diesem Fall ermittelt, fokussiert sich auf die Schädigung von Anlegern. Den Verantwortlichen wird vorgeworfen, die Wienwert AG als wirtschaftlich erfolgreich beworben zu haben, während sie gleichzeitig deren Zahlungsunfähigkeit verschleierten. Durch unwahre Angaben über die Verwendung der Anleihengelder sollen über 1.800 Anleger um rund 41 Millionen Euro geschädigt worden sein.